Der Spaß am gehässigen Singen

Ich fühle mich versetzt in meine Schulzeit. „Die So- die So- die So-o-o-nne“, singen sie alle gemeinsam, die rund 90 Mitglieder des Tageblatt-Chores. Und ich mache eine Zeitreise zurück in den Theaterchor, als ich einen Kegel spielen musste – zu mehr hat es dann doch nicht gereicht – und die „Sonne“ nicht nur schien, sondern auch für Aufwärmübungen missbraucht wurde. Fehlt nur noch „die Ta- die Ta- die Ta-a-a-nne“, denke ich mir. Und bekomme stattdessen ein schreckliches Seufzen im Chor zu hören – hervorgerufen durch die Worte „Sie hatten bestimmt alle einen schweren Tag“ von Tobias Wolff.

Der ist nicht nur Geschäftsführender Intendant der Händel-Festspiele, sondern treibt den Tageblatt-Chor vor seinem Sing-Along-Gottesdienst am 7. Mai – wo er dann mit Laurence Cummings und dem Jugend-Sinfonie-Orchester Göttingen auftritt – als Chorleiter auch zu Höchstleistungen an. Das wird deutlich, als es dann im Gemeinderaum der Jacobi-Kirche wirklich ans Singen geht: „Das war jetzt ein bisschen zu tief angesetzt“, sagt er. Es ist die vorletzte Probe vor der Aufführung, da muss er kritisch sein. Das hält Wolff aber nicht vom Scherzen ab: Um den etwa 90 Hobby-Sängern zu demonstrieren, wie sie die gesungenen Worte betonen sollen, spricht er sie einmal sächsisch aus – Vokale verschlucken inklusive – und dann so, wie ein Italiener es vielleicht tun würde, etwas dramatisch, mit viel Betonung auf dem „i“.

Weiter geht’s: „Gegrüßet seist du, Judenkönig!“ wiederholt der Chor immer wieder im Sprechgesang. „Das ist eine wahnsinnig gehässige Szene“, sagt Wolff zu den Chormitgliedern, „das will ich auch hören“. Das gefällt der 60-jährigen Katharina: „Auch die fiesen Sachen machen richtig Spaß“, sagt sie. Gehässig Singen sei eine Herausforderung. Sie sei schon seit mehreren Jahren beim Sing Along der Händel-Festspiele im Chor dabei. „Es macht jedes Mal wieder Spaß und ist auch jedes Mal unterschiedlich“, findet sie.

Ebenfalls Spaß an dieser Passage aus der Brockes-Passion hat das jüngste Chormitglied: die 15-jährige Lucretia Patak. „Bei uns zu Hause läuft immer viel klassische Musik, meine Mutter ist Musiklehrerin“, erzählt sie. Sie sei jetzt zum ersten Mal beim Sing Along dabei und habe viel Spaß. Ein alter Tageblatt-Chor-Hase hingegen ist Klaus-Dieter Zindel: „Ich bin von Anfang an dabei“, erzählt er. Er sei früher in einem Männerchor gewesen und habe Chorfahrten unternommen. Ob er nun zu Händel-Kompositionen oder anderer klassischer Musik singe, sei ihm egal – „Hauptsache, es klingt gut“, findet er.

Damit das auch der Fall ist, bekommen alle Chormitglieder, die sich für den Tageblatt-Chor angemeldet haben – jedes Jahr bildet der sich neu -, vorher Notenblätter. „Die Leute üben im Vorfeld und das merkt man auch“, sagt Wolff. Das mache den Reiz des Projekts aus: eine gute Vorbereitung und wenige – nur vier – Proben.

Am Sonntag, 7. Mai, tritt der Tageblatt-Chor mit dem Jugend-Sinfonie-Orchester Göttingen unter der Leitung von Laurence Cummings um 10 Uhr beim Sing-Along-Gottesdienst in der Jacobi-Kirche, Jacobikirchhof 1, in Göttingen auf.