Kein Happy End? – Ein Besuch der „Lotario“-Probe

Lotario hält mir die Tür auf, ganz der Gentleman. In schwarzer Hose, schwarzen Stiefeln, weißem Hemd und langem, grauem Frack, ein bisschen Old Fashion, aber doch schick. „Ich bin schon ganz in meiner Rolle drin“, sagt Sophie Rennert und lacht, so locker unbeschwert, wie sie auch in der Probe für die Festspieloper „Lotario“ auftritt. In der spielt sie ebendiesen – den Lotario, der Adelaide zu Hilfe kommt, weil diese nach dem Tod ihres Mannes allein auf dem Thron Norditaliens sitzt und von Intriganten umgeben ist.

Eine „Hosenrolle“ nennt sich das, wenn eine Frau in eine Männerrolle schlüpft. In der Oper nichts unübliches, wie der Regisseur der Oper, Carlos Wagner, erklärt: „Das ist eine richtige Kastratenrolle, sehr virtuos“, sagt er. Ein Countertenor, also ein männlicher Sänger, könne so eine Rolle oft nicht gut singen, die Stimme sei nicht stark genug. Deswegen habe er die Rolle mit einem starken, aber agilen Sopran besetzt: mit Rennert.

Besprechung: Regisseur Carlos Wagner (links) mit Todd Boyce (hinten, Mitte), Sophie Rennert (2.v.r.) und Marie Lys (rechts). Foto: Scheiwe

Auch für die 26-jährige Opernsängerin ist eine Männerrolle nichts Neues: „Ich bin das als Mezzosopran gewöhnt“, sagt sie und ergänzt scherzend: „Das ist meine Hosenrollensaison.“ So habe sie in diesem Jahr bereits in Salzburg im „Idomeneo“ von Mozart den Idamante gespielt, nach den Händel-Festspielen stehe eine weitere Männerrolle an. Doch nun ist erst einmal der Lotario in Göttingen dran. „Mein erstes großes Festival“, freut sich Rennert über diese große Rolle bei den Händel-Festspielen. Sie hat das Konzertfach Gesang in Wien studiert.

Für die Rolle muss sie in einer Szene auch das Tanzbein schwingen, und das muss geübt werden. Gemeinsam mit dem Choreographen hüpft Rennert über die Bühne – „Das soll Vorfreude ausdrücken“, so Wagner – und kreuzt beschwingt die Beine, springt, sich an einem Geländer festhaltend, hoch. „Auswärts und hoch, wie im klassischen Ballett“, gibt der Choreograph Tipps und Rennert muss lachen – sie habe mit fünf Jahren mal Ballett getanzt, seitdem nicht wieder. Ein erneuter Versuch: Es klappt schon besser. „Kann sein, dass das ballettmäßig komplette Kacke ist, aber für mich ist das einfacher mit rechts anzufangen“, so ihr scherzhaftes Fazit.

Sophie Rennert (rechts) mit Regisseur Carlos Wagner bei den Proben für die Oper „Lotario“. Foto: Scheiwe

Sowieso ist der Umgang aller Beteiligten miteinander am Probenset im Hotel Central sehr entspannt, es wird ein Mischmasch aus Deutsch, Englisch, Spanisch und Französisch gesprochen – schließlich kommen die Sänger aus den unterschiedlichsten Nationen – und viel gescherzt. „Es ist auch privat immer lustig“, sagt Regisseur Wagner, „wir sind eine kunterbunte Truppe“. Kein Wunder: Sechs Wochen lang zwei Proben täglich schweißen zusammen. Dabei proben die Darsteller noch nicht in ihren Bühnen-Kostümen und auch das Bühnenbild, das in Bern angefertigt wird, ist noch nicht eingetroffen. Im Probenraum im Hotel Central bleibt alles sehr provisorisch: Auf einem größeren Podest steht ein hölzerner Sarg, neben dem Gang, auf dem Rennert sich tänzerischen Schrittes bewegt, stehen leere Bilderrahmen und Farbeimer. Einen wirft die junge Opernsängerin bei ihren Tanzübungen versehentlich um.

„Ab nächsten Dienstag sind wir dann im Deutschen Theater“, erzählt Regisseur Wagner. Ab dem 9. Mai geht es in die Endphase der Proben für den „Lotario“. Ein ganzer Durchlauf wurde bereits geprobt – sie sind gut in der Zeit.

Regisseur Carlos Wagner. Foto: Wenzel

„Das besondere an der Oper ist, dass es zwei Frauen sind, die die Handlung vorantreiben“, findet Wagner, der zum ersten Mal eine Händel-Oper inszeniert. Die Adelaide sei dabei weniger offensichtlich, die Matilde mit voller Power dabei. „Und die Liebesverzwickungen halten sich in Grenzen“, sagt Wagner – ein Grund zur Freude für ihn, solche Liebesszenen finde er immer sehr langweilig. Genauso wie Happy Ends: „Eine Barockoper muss mit einem Happy End enden, aber da glauben wir heute nicht mehr dran“, sagt er. Deswegen habe er einen Weg gesucht, das Happy End zu untergraben, ohne das Stück zu widerlegen. Wie, können die ersten Zuschauer am 19. Mai bei der Premiere erleben. Hoffentlich mit Happy End für Sophie Rennert und ihre Opern-Kollegen.

Die Festspieloper „Lotario“ feiert am Freitag, 19. Mai, um 18 Uhr Premiere im Deutschen Theater Göttingen, Theaterplatz 11. Anschließend gibt es am Sonntag und Montag, 21. und 22. Mai, eine Vorstellung sowie am Mittwoch, 24. Mai, Freitag, 26. Mai und Sonntag 28. Mai. Am Dienstag, 23. Mai, gibt’s in der Lokhalle ein Public Viewing zur Oper, am Sonnabend, 27. Mai, die „Lotario“-Familienfassung mit KiKa-Moderator Juri Tetzlaff. Es sind für alle Veranstaltungen noch Tickets erhältlich.