Multi-Kulti-Händel in der Jugendoper

Vier Mädchen stehen auf der noch nicht ausstaffierten Bühne, versuchen gemeinsam, lange, schwarze Gummibänder so zu halten, dass es symmetrisch aussieht. Eine von ihnen ist die 14-jährige Emily Lorentz. Sie gehört zu den rund 40 Jugendlichen, die Darsteller in der Jugendoper „Beyond Doubt: Lotario“ der Händel-Festspiele sind.

Im Mittelpunkt der Händel-Festspiele steht die Oper „Lotario“, die mit professionellen Opernsängern im Deutschen Theater aufgeführt wird. Das boat people Projekt, ein freies Göttinger Theater, das sich auf der Bühne viel mit Flucht und Migration auseinandersetzt, gestaltet dazu die Jugendoper – unter der Leitung von Regisseurin Nina de la Chevallerie, mit Darstellern aus verschiedenen Ländern.

Bei der vorletzten Probe vor der Premiere am Sonnabend, 6. Mai, geht es noch recht wuselig zu. Während auf der Bühne geprobt wird, laufen andere Jugendliche immer wieder durch den Zuschauerraum, rufen ihren Kollegen auch mal einen gut oder auch scherzhaft gemeinten Tipp zu. „Am Anfang haben wir gar nicht verstanden, worum es in der Oper geht“, gibt der 14-jährige Sam Borchers zu, und Emily gibt ihm recht. Sie hätten die Szenen nicht chronologisch geprobt, erst nach und nach habe sich die Geschichte um Adelaide, die allein auf dem Thron sitzt, und Lotario zu Hilfe ruft, um die Intrigen von Berengario und Matilde abzuwehren, zusammengesetzt. Doch trotz anfänglicher Schwierigkeiten, das Stück zu verstehen, habe es ihnen viel Spaß gemacht, gemeinsam zu proben.

„Am Anfang hatten wir schon Vorurteile.“ – Sam Borchers (14)

Durch eine Freundin haben die beiden von dem Projekt erfahren, erzählt Sam und ergänzt: „Am Anfang hatten wir schon Vorurteile.“ Aber ihre Zweifel gegenüber den Jugendlichen anderer Kulturen seien schon beim ersten Treffen veflogen, denn „alle waren einfach so herzlich“. „Wir sind wie eine Familie“, sagt Sam.

Wenige der Jugendlichen hatten zuvor Bühnenerfahrung. „Wir sind hier alle einfach so reingestolpert“, betont Emily, die eine Charaktereigenschaft der Königin Adelaide in der Inszenierung verkörpert. Es sei eine tolle Gemeinschaft und sogar Freundschaften seien entstanden. Das bestätigt auch der 15-jährige Muhammed Pacolli, der erst vor zwei Jahren aus dem Kosovo nach Deutschland gekommen sei – was kaum zu hören ist, wenn er mit seinen neuen Freunden Deutsch spricht. Das Theaterspielen bereite ihm viel Freude, sagt er.

Obwohl alle entspannt miteinander umgehen, ist auch der Druck vor der Premiere spürbar, „jetzt noch einmal mit Talent“, heißt es für die Tänzer. Sam sagt dazu: „Manchmal ist es ein wenig holprig, aber am Ende wird alles gut.“

Einige der Darsteller singen auch auf der Bühne – soeben wird Culcha Candelas Hit „Hammer“ in den Verlauf des Stückes eingebaut. Und auch die Vielfalt der Herkunftsländer der Darsteller zeigt sich auf der Bühne: Ein junger Darsteller singt eine Händel-Arie – kombiniert mit einem arabischen Lied.

Es ist deutlich zu erkennen, dass die Jugend-Fassung von „Lotario“ viel Arbeit in Anspruch genommen hat, wovon unter anderem der 18-jährige Jan-Erik Heidelmann berichtet. „Das Stück hat mich an Shakespeare erinnert“, sagt er, davon habe er sich beeinflussen lassen, während er Teile des Drehbuches geschrieben habe.

Bei so viel Engagement und Motivation der Darsteller lassen sich auch kurz vor der Premiere noch ein Texthänger oder eine falsche Bewegung verzeihen, die gute Stimmung und die Gemeinschaft der Jugendlichen sind ansteckend und bereiten schon bei der Probe, in der noch alle ihre Alltagskleidung auf der Bühne tragen, Vorfreude auf die Darbietung vor Publikum.

Von Ida Conrady, Schülerreporterin des GT und YLAB- Geisteswissenschaftliches Schülerlabor

Bunt, verrückt, ein Zitat des barocken Zeitalters

Ein silbernes Kleid mit blauem Tüll und Pfauenmuster hängt neben einer Weste aus schwarzem, schaumstoffartigen Material. Noch ein paar Bügel weiter: ein weißer, mit Watte von innen ausstaffierter Hoodie, an den von hinten ein großes Eisbärenkuscheltier genäht wurde. Während eine Etage höher die Schauspieler, Tänzer und Musiker noch in ihrer Straßenkleidung für die Jugendoper „Beyond Doubt: Lotario“ proben, ist auch im Kostümraum des Jungen Theaters noch viel zu tun.

Dort haben die Kostümbildnerin Sonja Elena Schröder und die Zwölftkässlerin Maria Engelbart gerade die Kostüme für die Premiere am Sonnabend, 6. Mai, gewaschen. Maria ist eine der Schülerinnen, die beim Entwerfen und Nähen der Kostüme für die Jugendoper der Händel-Festspiele geholfen hat. Jede Rolle ist mit mehreren Schauspielern besetzt – bei der Adelaide, der Königin von Norditalien, deren Mann gestorben ist und die deswegen gerade allein auf dem Thron sitzt, verkörpern die verschiedenen Jugendlichen beispielsweise verschiedene Charaktereigenschaften der Figur.

Die Kostüme wurden von Schröder und ihrem Team so angepasst und geschneidert, dass sie zu den Schauspielern passen. Sie seien in enger Zusammenarbeit mit den Schauspielern und der Regie entstanden, erzählt Schröder.„Ich bin seit Oktober dabei“, sagt Maria, die an der IGS Geismar zur Schule geht. Beim Designen hätten sie nicht versucht, die Kleider an Händels Zeitalter anzupassen, sondern die barocken Kleider in ein moderneres Zeitalter zu versetzen. „Wir wollten den Barock nicht abbilden, sondern nur zitieren“, erklärt Schröder. Die Kostüme für die Schauspieler des Lotarios beispielsweise erinnern an Cowboys, die Jacke mit dem Teddybären hat Maria selbst entworfen und genäht. Ein anderes gutes Beispiel dafür seien die Haare: Die Schauspieler würden ihre Haare hoch aufgetürmt tragen, wie es im Barock auch üblich war, erklärt Schröder. Allerdings seien sie gleichzeitig in andere Farben und Formen gesteckt.

Wir haben in einem kleinen Raum ohne Fenster und richtige Heizung gearbeitet“, erzählt Schröder. Das sei im ehemaligen Institut für wissenschaftlichen Film gewesen, wo das Boat People Projekt seinen Sitz hat. Doch trotzdessen scheinen die Schüler und Schröder den Spaß an der Sache und dem Projekt nicht verloren zu haben: Während Schröder Erklärungen zu den einzelnen Kostümen liefert, hält Maria diese hoch und lächelt schüchtern. Die Freude über das eigene Ergebnis ist ihr anzusehen.

Von Pia Bucher, Schülerreporterin des GT und YLAB- Geisteswissenschaftliches Schülerlabor