18 Stunden Händel für den Toningenieur – ein Besuch im NDR-Ü-Wagen

Gerade haben Tonmeister Hans-Ulrich Bastin und Toningenieur Martin Lohmann noch locker geplaudert, doch dann werden sie still. Tobias Wolff, der Intendant der Händel-Festspiele, betritt die Bühne. Man sieht ihn auf dem Bildschirm, der im NDR-Übertragungswagen, kurz Ü-Wagen, hängt – konzentriert betrachtet von Bastin und Lohmann.

Vor dem in dunkelrot gehaltenem Bühnenbild, auf dem ein Geländer steht, an dem seitlich Bilderrahmen und Spiegel lehnen, begrüßt Wolff das Publikum zur Generalprobe für die Festspieloper „Lotario“ im Deutschen Theater. Das ist der Startschuss für Bastin, Lohmann und den Rest ihres Teams, jetzt beginnt die Hauptarbeit. Für den Norddeutschen Rundfunk (NDR) übertragen sie die Premiere der Oper am Freitag, 19. Mai, live im Radio – und das bedeutet viel Vorbereitung.

In ihrem weißen Wagen ist es trotz hoher Außentemperaturen angenehm kühl, eine kleine Kaffeemaschine und einen Kühlschrank gibt es hier. Auf der linken, für einen LKW recht geräumigen Seite sitzen Bastin und Lohmann. „Wir nehmen zwei Proben vorher auf“, erzählt Bastin, zuvor hätten sie bereits eine Probe angesehen, um zu gucken, wer wann wo stehe und singe, und um dementsprechend die technischen Einstellungen vorzunehmen. „Die Schwierigkeit ist, dass die Sänger nicht vor einem Mikro stehen, sondern ständig herumlaufen“, erzählt Bastin. Bereits drei Stunden vor Beginn der Probe haben sie mit dem Aufbau begonnen. „Wir haben diese Woche ungefähr 18 Stunden Händel gehört“, scherzt Lohmann.

Sie müssten überall Mikros verstecken. So seien etwa 15 bis 20 Mikros im Orchestergraben angebacht, fünf seien an einer Bodenleiste im vorderen Bühnenbereich befestigt, zwei hingen von der Decke. „Da gibt es immer die größten Kämpfe mit den Bühnenleuten“, erzählt Bastin scherzend. Denn die wollten die Mikros möglichst hoch hängen haben, damit sie das Bühnenbild nicht stören, für gute Tonaufnahmen müssten die Mikros aber möglichst nah bei den Sängern, also tief, hängen. „Die Bühne ist relativ klein, das macht uns das Leben ein bisschen leichter“, sagt Bastin. Bei größeren Bühnen müssten sie die Mikros direkt an den Sängern anbringen, was schnell zu Störgeräuschen führe, wenn diese sich beispielsweise auf den Boden werfen würden.

“Die Bühne ist relativ klein, das macht uns das Leben ein bisschen leichter.” – Hans-Ulrich Bastin, NDR-Tonmeister

Doch jetzt ist alles platziert, wurde bereits bei der Probe vorher getestet und soll sich vor der Live-Aufnahme, bei der dann nichts mehr korrigiert werden kann, bewähren. „Ich habe mir aufgeschrieben, wann welcher Sänger wo steht und singt“, erzählt Bastin. So sitzt er mit dem Notenbuch der Oper vor seinem Computer, dem Aufnahmegerät, und sagt seinem Kollegen Lohmann, der das Mischpult bedient, an, wenn sich gleich jemand bewegt. Die Überprüfung folgt im Bildschirm, wo sich die Sänger als Lotario, Berengario, Adelaide und Co. in klein über die Bühne bewegen.

Das Mischpult sieht kompliziert aus: Knöpfe über Knöpfe sind da über fast drei Meter Breite verteilt, überall leuchten kleine Lampen in unterschiedlichen Farben. „Einfach gesagt mache ich die jeweiligen Mikros leiser oder lauter“, erklärt Lohmannn. Wenn er das nicht machen würde, würden sich die Sänger – abhängig davon, wie dicht oder weit weg sie vom Mikro sind – leiser oder lauter anhören. Das sei kein Problem, wenn man das Bild sehe. „Aber der Hörfunkhörer hat die Bildinfo nicht“, erklärt Lohmann, für ihn klinge das dann seltsam.

Bereits in den zwei Proben nehmen die beiden die komplette Oper auf. „Am Freitag wird live übertragen, aber später wird auch eine CD erstellt“, erzählt Bastin. Da könnten sie dann kleine Fehler der Live-Aufnahme bei der Premiere mit Material der Proben korrigieren. „Bei der Live-Aufnahme hört man natürlich auch, dass die da zum Beispiel Dinge schmeißen, das sind eigentlich Störgeräusche, aber hier gehört es dazu“, erklärt Bastin.

Ein Blick auf Bastins Aufnahmegerät hinterlässt Verwirrung: Untereinander sind dort ganz viele Tonspuren zu sehen, die sich bewegen. „Es gibt 40 einzelne Spuren“, erklärt Lohmann, jeweils für die einzelnen Instrumente und Sänger. „Das Fagott ist echt zu dicht“, sagt Bastin während der Probenaufnahme. „Ich mache einfach ein bisschen weniger“, kommentiert Lohmann und regelt die Lautstärke des Mikros an seinem Mischpult herunter. Als Jorge Navarro Colorado alias Berengario gerade wieder einen Part singt, sagt Lohmann: „Er singt in eine Richtung, wo wir kein Mikro haben, wenn er nach links singt, ist das doof“. Das lässt sich vielleicht noch feinjustieren. Ein paar Stunden Händel haben Tonmeister und -ingenieur schließlich noch vor sich.