Oper mal anders – Public Viewing in der Lokhalle

Als es dunkel wird in dem Lokhallen-Raum, werden alle still, das Gewusel hört auf, auch wenn immer wieder mal Leute neu dazukommen oder wieder gehen. Das ist schließlich das Gute an dem kostenlosen Public Viewing: Man kann einfach mal reinschauen, muss nicht wie im Theater die vier Stunden durchhalten.

Public Viewing, das kennt man sonst nur von großen Fußballspielen, während der Europa- oder Weltmeisterschaft. Da wird mitgegrölt, viel Bier getrunken und gejubelt und geklatscht, wenn ein Tor fällt. Gegrölt wurde beim Public-Viewing zur Oper „Lotario“ in der Lokhalle nicht, und Bierduschen gab es auch nicht. Geklatscht wurde aber schon – nur eben nicht, wenn ein Tor fällt, sondern wenn der Vorhang sich zuzieht und ein Akt beendet ist.

Der Gang über den roten Teppich zum Public Viewing. Foto: Scheiwe

Es ist eine edle Version des Public Viewings: Über einen roten Teppich laufen die Besucher in den Bereich, in dem die große Leinwand und etwa 800 Stühle aufgebaut sind. Alle Stühle sind nie gleichzeitig besetzt, aber etwa dreiviertel. Und es kommen immer mal wieder neue Besucher dazu, andere gehen dafür.

Für alle, die noch nicht mit der Geschichte der Händel-Festspieloper „Lotario“ vertraut sind, wird direkt am Eingang in einem einfachen Diagramm das Beziehungsgeflecht zwischen den Figuren Adelaide, Lotario, Matilde, Berengario, Idelberto und Clodomiro dargestellt. An den Seiten des roten Teppichs sind Utensilien wie ein umgekippter roter Thron, ein Kelch oder Maleimer drapiert sowie große, gemäldeartige Bilder aus der Premiere aufgestellt und Installationen angebracht.

Das Beziehungsgeflecht der “Lotario”-Figuren. Foto: Scheiwe

„Ich habe den Ateliercharakter des Bühnenbildes aufgegriffen“, erzählt Sonja Elena Schröder. Sie ist nicht nur die Kostümbildnerin für die Jugendoper „Beyond Doubt: Lotario“, sondern hat auch den Eingangsbereich mit dem Roten Teppich für das Public Viewing gestaltet. Die übergroßen Fotos erinnern an die großen Kriegsgemälde, welche die Zuschauer später auf der Leinwand im „Lotario“-Bühnenbild erkennen können, der Kelch beispielsweise steht für den Giftkelch, der Adelaide als eine von drei Alternativen – Gift, Dolch oder Idelberto als Bräutigam – angeboten wird.

„Das Ambiente ist sehr schön“, sagt Sabine Hellige, während sie auf genau jenen Eingangsbereich deutet. Sie habe bisher keinen richtigen Draht zu Händel-Opern, sei deshalb besonders gespannt. Und auch ihr Ehemann Gerhard Hellige empfindet das Public Viewing als „eine tolle Chance in Kontakt zur Händel-Musik und zu Opern zu kommen“.

„Die Situation ist etwas lässiger als im Theater“, findet auch Dieter Bentmann, der mit seiner Frau Christine gern jedes Jahr zum Public Viewing komme, wo die Premierenaufzeichnung gezeigt wird. Er hat sogar sein eigenes Textheft dabei. Keine schlechte Idee, denn aus den letzten Reihen bedarf es doch einiger Anstrengung, den deutschen Untertiteln zu dem italienischen Operngesang zu folgen.

Oper für alle: Beim Public Viewing konnte jeder kommen und gehen, wie er wollte. Es war kostenlos. Foto: Scheiwe

Das ist aber auch gar nicht unbedingt nötig: Eine kurze Einführung in die Handlung um „Macht und Liebe“ gibt Moderatorin Petra Rieß schon vorab und gibt auch noch ein Versprechen ab: „Man geht in die Oper, um tolle Stimmen zu hören, und das kann ich garantieren“. Auf eine Stimme ist Besucherin Gabi Schneider-Köhler besonders gespannt: „Ich bin voller Vorfreude auf den Countertenor, das ist die Stimme, die ich sehr liebe“, sagt sie. Und den Sänger, der hinter dem Countertenor steckt, Jud Perry alias Idelberto, bekommt sie schlussendlich nicht nur auf der Leinwand zu sehen und hören, sondern auch in echt: Denn in der Pause betreten alle sechs Sänger die Bühne und plaudern aus der aktuellen Produktion. „In unserer Ehe habe ich die Macht“, sagt Ursula Hesse von den Steinen, ganz in der Rolle der Matilde, scherzend zu Jorge Navarro Colorado, der ihren Ehemann Berengario spielt. Sie verrät aber auch, was sie nach 25 Jahren Arbeit als Opernsängerin jedes mal wieder glücklich macht: „Der Geruch von Puder, wenn man in die Maske kommt.“

Wer die Oper doch noch einmal richtig im Deutschen Theater sehen möchte, hat am Mittwoch, 24. Mai, und Freitag, 26. Mai, jeweils um 19 Uhr, oder Sonntag, 28. Mai, um 15 Uhr, noch die Möglichkeit dazu.